Der einsame Weihnachtsmann

24. Dezember 2016 von | Kategorie(n): Kurzgeschichten

Der einsame Weihnachtsmann

Werner stellte sich vor den Spiegel, ĂŒberprĂŒfte noch einmal seine Verkleidung. MĂŒtze: Sitzt. Mantel: Sitzt. Sein Bart war echt, das unterschied ihn von anderen WeihnachtsmĂ€nnern. Außerdem, so schien es, war er einer der besten, wenn man das so sagen kann. Er probte noch einmal das fĂŒr einen Weihnachtsmann typische „Hoho!“. Jetzt aber schnell, denn der hiesige Weihnachtsmarkt öffnete in einer Stunde die Pforten und es galt viele Kinder ein wenig glĂŒcklicher zumachen.

Er lief ĂŒber den Weihnachtsmarkt zu seinem Platz mitten in einer der Pyramiden. Diese Dinger, wo man eine Kerze darunter stellt, damit sich die Figuren drehen. Werner – der Weihnachtsmann – saß eben in einer, doch war diese auf menschliche VerhĂ€ltnisse vergrĂ¶ĂŸert. Er liebte es, Kinder fröhlich zumachen. Dieses Funkeln in ihren Augen, wenn sie mit ihm redeten, stimmten ihn selber glĂŒcklich. Außerdem macht das Verschenken doch viel mehr Spaß, als das Auspacken der Geschenke. ZusĂ€tzlich ist Weihnachten das Fest der Liebe und daher sollte jeder NĂ€chstenliebe zeigen – zumindest ein wenig -, oder nicht?

„Werden denn all meine WĂŒnsche in ErfĂŒllung gehen?“, fragte ein Kind den Weihnachtsmann undÂ ĂŒberreichte ihm den Wunschzettel. „Nun ja. Das sind aber eine Menge WĂŒnsche. Da musst du ganz besonders artig sein, damit all diese Dinge in ErfĂŒllung gehen!“, antwortete Werner in einem klassischen Tonfall. Eigentlich zĂ€hlen doch die menschlichen Werte und auch WĂŒnsche viel mehr, dachte er sich, jedoch kommt genau das in dieser Zeit zu kurz.

Viele Menschen waren auf dem Markt und durch die Menge an Lichtern ergab sich eine wundervoll romantische Stimmung, Musik wurde gespielt, es roch nach gebrannten Mandeln und GlĂŒhwein. An den GlĂŒhweinstĂ€nden drĂ€ngten sich die Menschen dicht an dicht, um noch einen Platz unter einem Heizpilz möglichst nah an der Quelle zu ergattern. Es wurde geredet und gelacht. Die Leute amĂŒsierten sich.

Vor seinem inneren Auge sah er sich am 24. Dezember wieder an einem GlĂŒhweinstand sitzen. Zusammen mit denen, die auch keinen mehr haben. Denn Werner hatte seine Familie ĂŒberlebt, Kinder hatte er keine. Es war jede Weihnacht dasselbe, seit seine Frau verstorben war.

Und es dauerte nicht lange, bis sich diese Vorahnung bestĂ€tigte. So saß er da, hatte einen GlĂŒhwein in der Hand. An jenem Tag – dem 24. Dezember diesen Jahres – fĂŒhlte Werner Gottes NĂ€he nicht. Auch spĂŒrte er nicht dieses GefĂŒhl von Gott geschaffen zu sein. Generell erlebte er an diesem Tag keine positiven GefĂŒhle, sondern befand sich in einem Raum der Einsamkeit. Alles um ihn herum schien von der Leere gefĂŒllt zu sein. Der Weihnachtsmann fĂŒhlte sich isoliert und ausgestoßen. StĂ€ndig tat er etwas fĂŒr die Menschen, damit diese eine schöne Weihnachtszeit erleben. Aber keiner Tat etwas fĂŒr ihn. Es war doch offensichtlich, dass er allein war, oder nicht? Jedoch gingen die Menschen einfach an dem traurigen, verlassenen Mann vorbei.

Nun konnte er nicht mehr lange an dem Stand sitzen bleiben. „Wir mĂŒssen noch abbauen. Wir wollen nicht zu spĂ€t zum Essen kommen“, hieß es aus dem Mund des Besitzers. Außerdem schien sich dieser Mann nicht fĂŒr den Traurigen zu interessieren. Folglich erhob sich Werner und irrte noch etwas durch die Stadt – ohne Ziel.

Plötzlich erklang eine Stimme von Hinten. „Hey Sie! Was machen Sie denn noch hier?“ Es war bereits spĂ€t. Die Person kam nĂ€her. Es war ein gut gekleideter Mann. „Dasselbe könnte ich Sie fragen.“, entgegnete Werner. Darauf der Mann: „Kein Mensch soll traurig sein. Es ist Weihnachten! Kommen Sie. Ich lade Sie ein!“ Der Mann – war er wohlhabend? Tut das zur Sache? – war ĂŒberaus freundlich.

Das Weihnachtsfest, welches Werner in jenem Jahr erlebte, war das schönste und liebevollste seines ganzen Lebens!

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