Der einsame Weihnachtsmann

[Thumbnail] Der einsame Weihnachtsmann

Werner stellte sich vor den Spiegel, überprüfte noch einmal seine Verkleidung. Mütze: Sitzt. Mantel: Sitzt. Sein Bart war echt, das unterschied ihn von anderen Weihnachtsmännern. Außerdem, so schien es, war er einer der besten, wenn man das so sagen kann. Er probte noch einmal das für einen Weihnachtsmann typische „Hoho!“. Jetzt aber schnell, denn der hiesige Weihnachtsmarkt öffnete in einer Stunde die Pforten und es galt viele Kinder ein wenig glücklicher zumachen.

Er lief über den Weihnachtsmarkt zu seinem Platz mitten in einer der Pyramiden. Diese Dinger, wo man eine Kerze darunter stellt, damit sich die Figuren drehen. Werner – der Weihnachtsmann – saß eben in einer, doch war diese auf menschliche Verhältnisse vergrößert. Er liebte es, Kinder fröhlich zumachen. Dieses Funkeln in ihren Augen, wenn sie mit ihm redeten, stimmten ihn selber glücklich. Außerdem macht das Verschenken doch viel mehr Spaß, als das Auspacken der Geschenke. Zusätzlich ist Weihnachten das Fest der Liebe und daher sollte jeder Nächstenliebe zeigen – zumindest ein wenig -, oder nicht?

„Werden denn all meine Wünsche in Erfüllung gehen?“, fragte ein Kind den Weihnachtsmann und überreichte ihm den Wunschzettel. „Nun ja. Das sind aber eine Menge Wünsche. Da musst du ganz besonders artig sein, damit all diese Dinge in Erfüllung gehen!“, antwortete Werner in einem klassischen Tonfall. Eigentlich zählen doch die menschlichen Werte und auch Wünsche viel mehr, dachte er sich, jedoch kommt genau das in dieser Zeit zu kurz.

Viele Menschen waren auf dem Markt und durch die Menge an Lichtern ergab sich eine wundervoll romantische Stimmung, Musik wurde gespielt, es roch nach gebrannten Mandeln und Glühwein. An den Glühweinständen drängten sich die Menschen dicht an dicht, um noch einen Platz unter einem Heizpilz möglichst nah an der Quelle zu ergattern. Es wurde geredet und gelacht. Die Leute amüsierten sich.

Vor seinem inneren Auge sah er sich am 24. Dezember wieder an einem Glühweinstand sitzen. Zusammen mit denen, die auch keinen mehr haben. Denn Werner hatte seine Familie überlebt, Kinder hatte er keine. Es war jede Weihnacht dasselbe, seit seine Frau verstorben war.

Und es dauerte nicht lange, bis sich diese Vorahnung bestätigte. So saß er da, hatte einen Glühwein in der Hand. An jenem Tag – dem 24. Dezember diesen Jahres – fühlte Werner Gottes Nähe nicht. Auch spürte er nicht dieses Gefühl von Gott geschaffen zu sein. Generell erlebte er an diesem Tag keine positiven Gefühle, sondern befand sich in einem Raum der Einsamkeit. Alles um ihn herum schien von der Leere gefüllt zu sein. Der Weihnachtsmann fühlte sich isoliert und ausgestoßen. Ständig tat er etwas für die Menschen, damit diese eine schöne Weihnachtszeit erleben. Aber keiner Tat etwas für ihn. Es war doch offensichtlich, dass er allein war, oder nicht? Jedoch gingen die Menschen einfach an dem traurigen, verlassenen Mann vorbei.

Nun konnte er nicht mehr lange an dem Stand sitzen bleiben. „Wir müssen noch abbauen. Wir wollen nicht zu spät zum Essen kommen“, hieß es aus dem Mund des Besitzers. Außerdem schien sich dieser Mann nicht für den Traurigen zu interessieren. Folglich erhob sich Werner und irrte noch etwas durch die Stadt – ohne Ziel.

Plötzlich erklang eine Stimme von Hinten. „Hey Sie! Was machen Sie denn noch hier?“ Es war bereits spät. Die Person kam näher. Es war ein gut gekleideter Mann. „Dasselbe könnte ich Sie fragen.“, entgegnete Werner. Darauf der Mann: „Kein Mensch soll traurig sein. Es ist Weihnachten! Kommen Sie. Ich lade Sie ein!“ Der Mann – war er wohlhabend? Tut das zur Sache? – war überaus freundlich.

Das Weihnachtsfest, welches Werner in jenem Jahr erlebte, war das schönste und liebevollste seines ganzen Lebens!

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von | Kategorie: Kurzgeschichten

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